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Europa
EIN BLICK NACH VORNE:
CHANCEN UND HERAUSFORDERUNGEN
IN
DER AGRARPOLITIK
von Mariann Fischer Boel
Die europäische Landwirtschaft stärken,
ohne Marktchancen von Entwicklungsländern
zu beschränken. Die Zukunft europäischer
Agrarpolitik – erläutert von EU-Agrarkommissarin
Mariann Fischer Boel.
Vor dem Ausblick, was uns im nächsten Jahr
agrartechnisch in der EU erwartet, möchte
ich noch einmal kurz auf das vergangene
Jahr zurückblicken. 2004 war eindeutig ein
entscheidendes Jahr für die Geschichtsschreibung
der Europäischen Union. Mit dem
Beitritt von 10 neuen Mitgliedsstaaten am 1.
Mai 2004 wurde ein historischer Schritt für
die europäische Integration vollzogen. Das
einst zerrissene Europa wurde damit knapp
15 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer
wieder vereint.
Für Europa stellt die EU Ost-Erweiterung
wohl eine der größten Herausforderungen
dar. Global betrachtet aber ist sie auch die
größte Chance des 21. Jahrhunderts: Mit 25
Mitgliedsstaaten und einer Bevölkerung von
mehr als 455 Millionen Menschen ist die
EU mittlerweile zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht
nach den USA aufgestiegen.
Und diese größte Erweiterungsrunde in der
Geschichte der EU ist noch nicht einmal die
letzte gewesen. Rumänien und Bulgarien
werden voraussichtlich 2007 mit an Bord kommen,
Beitrittsverhandlungen mit Kroatien
stehen auf der Agenda für 2005 und nach
fast 40 jährigem Ringen gibt es eine Perspektive
für den Beitritt der Türkei zur Europäischen
Union.
Aus agrarpolitischer Sicht sehe ich ein
Weiterkommen in der Doha Entwicklungsrunde
(DDA) als eine der Kernaufgaben des
Jahres 2005 an. Generell zielen die Treffen
der World Trade Organisation (WTO) darauf
ab, den internationalen Agrarhandel signifikant
zu öffnen, indem handelsverzerrende
Landwirtschaftsstützungen nachhaltig gekürzt
und Exportstützungen gänzlich eliminiert
werden. Bis zum nächsten Zusammentreffen
der WTO, das Ende dieses Jahres in
Hongkong stattfinden soll, wollen wir eine
Einigung über die Modalitäten, sprich die
Spielregeln für den internationalen Handel
mit Agrarprodukten, erzielen. Dafür müssen
wir noch in vielen Details vorankommen.
Besonders die Fragen des Marktzugangs und
der Exporterstattungen wird besondere Aufmerksamkeit
erfordern. Und da die EU
schon heute der weltweit größte Importeur
für Agrarprodukte aus Entwicklungsländern
ist, wird es der EU natürlich auch ein besonderes
Anliegen sein, Marktchancen der Entwicklungsländer
auf dem Weltmarkt nachhaltig
zu verbessern. Das kann dadurch erreicht
werden, indem andere entwickelte
Länder dem Beispiel der EU folgen und ihre
Märkte für die ärmsten Länder dieser Erde
öffnen und diesen Ländern beispielsweise
längere Übergangsfristen beim Abbau handelsverzerrender
Zölle gewährt oder die Tarif
- und Unterstützungszahlungen weniger
stark beschnitten werden. Die EU hat hier
bereits mit der sogenannten „EBA- Initiative“,
die für „everything but arms“ oder zu
deutsch für „Alles außer Waffen“ steht, ein
deutliches Zeichen gesetzt. Entwicklungsländer
können im Rahmen dieser Initiative
ihre Produkte ohne Zölle in den EU-Binnenmarkt
liefern.
Ich bin zuversichtlich, dass wir auf dem
richtigen Weg sind. Bereits im Sommer 2004
wurde in den WTO-Verhandlungen ein großer
Meilenstein erreicht. WTO-Mitglieder
haben letztes Jahr einem Rahmenprogramm
zugestimmt, das darauf abzielt, den Welthandel
innerhalb der Doha Entwicklungsrunde
zu liberalisieren.
Aber nicht nur im internationalen Agrarhandel
sind 2005 wichtige Herausforderungen
zu meistern, sondern auch im Rahmen
unserer eigenen Gemeinsamen Agrarpolitik.
Bereits seit geraumer Zeit wird daran gearbeitet,
die gemeinsame Agrarpolitik zukunftssicher
zu machen.Mehr Marktorientierung
und Wettbewerbsfähigkeit sind die Grundlagen
dieser Reform, die bereits 1992 eingeleitet
wurde. Damit hat die Preisstützung als
zentrales Instrument der alten Agrarpolitik
ausgedient. Und das nicht nur, weil die europäischen
Verbraucher und Steuerzahler nicht
mehr bereit waren, den Aufbau neuer Rindfleisch-
und Getreideberge zu akzeptieren
sondern auch, weil die EU ihre Produkte auf
dem Weltmarkt in Zukunft nur noch absetzen
kann, wenn sie wettbewerbsfähig sind.
Die 2003 eingeführte Entkopplung war
hier ein weiterer logischer Schritt in Richtung
Reform. Unter diesem Schlagwort
wurden die Direktzahlungen von der Erzeugungsmenge
abgekoppelt und stattdessen an
öffentliche Leistungen wie die Einhaltung
von Umweltschutz- und Tierhaltungsstandards,
die die Landwirte für die Gesellschaft
erbringen, angeknüpft.
Was heißt das konkret: Die neue Regelung
ermöglicht es dem Bauern wieder für
den Markt, also für die Nachfrage der Konsumenten
zu produzieren und nicht mehr
seine Produktion nach den Fördermöglichkeiten
zu optimieren. Damit wird der Bauer
wieder zum Unternehmer, der selbst entscheidet,
was, wann und wie angebaut wird.
Weiters hat sich die Reform die Stärkung
der ländlichen Entwicklung zum Ziel gesetzt,
weshalb künftig auch wesentlich mehr
Geld für die Umwelt, den Tierschutz, die
Ökologie und qualitativ hochwertige Erzeugung
bereitgestellt werden wird.
Warum das so wichtig ist: Die Qualität
und die Sicherheit unserer Nahrungsmittel
und einer nachhaltigen Produktion zählen
zu den größten Stärken Europas. Die Gesellschaft
erwartet von der Landwirtschaft heute
bereits weit mehr, als die reine Bereitstellung
der Grundnahrungsmittel. Auch Qualität und
Lebensmittelsicherheit sind gefordert. Neben
der Qualität des Endproduktes darf aber
auch nicht jene des „Nebenprodukts“, in
diesem Fall die Erhaltung der ländlichen Gebiete
wie auch der Landschaft, aus dem Auge
gelassen werden. Erst die Reform ist es, die
den Bauernstand als Teil unserer Kultur würdigt.
Und erst die Bauern sind es, die das
Überleben unserer Landschaft als Lebensraum
und Ort zum Arbeiten und Erholen sichern.
Mit der Umsetzung der Agrarreform hat
eine neue Ära für die europäische Landwirtschaft
begonnen. Und mit der Agrarreform
hat die Landwirtschaft gezeigt, dass sie bereit
ist, bei einem der zentralen Ziele für die
nächsten Jahre, der Einhaltung der sogenannten
Lissabon-Strategie aktiv mitzuwirken.
Eine Strategie, mit der eine starke Wirtschaft
und neue Arbeitsplätze geschaffen und die
nachhaltige Entwicklung gefördert werden
soll. Und mit deren Hilfe es uns auch gelingen
sollte die zweitgrößte Wirtschaftszone
der Welt, die EU, als führenden Global Player
unter den anderen Wirtschaftsregionen der
Welt zu etablieren. Denn eine weitere Öffnung
der Weltmärkte ist eine wichtige Voraussetzung
für das dringend benötigte weltweite
Wirtschaftswachstum. Wobei aber eines
nicht vergessen werden darf: Es kann nur
nach außen schlagkräftig sein, wer innerlich
gefestigt ist. Und hier ist vor allem die Landwirtschaft,
unser europäisches Rückgrat, gefordert.
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