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Ausbilung
GLEICHES RECHT
AUF GLEICHE
BILDUNGSCHANCEN
von Franz Müntefering
Nicht zuletzt in der PISA-Studie wurde
die Reformbedürftigkeit des deutschen
Bildungssystems überdeutlich. SPD
Fraktionschef Franz Müntefering zeigt
für via Europa dessen Schwächen
auf und bietet darüber hinaus detaillierte
Lösungsansätze an.
Franz Müntefering ist seit 1966 Mitglied der SPD. Von 1992 bis 1995 war er Minister
für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Seit 1996
Mitglied des Landtags in NRW. Franz Müntefering war Landesvorsitzender der
NRW-SPD von Mai 1998 bis Dezember 2001. Seit Oktober 2002 ist er Vorsitzender
der SPD-Bundestagsfraktion.
Alle haben das Recht auf gleiche Bildungschancen, von ganz jung an
- ganz gleich wie dick das Portemonnaie der Eltern ist. Recht auf
Bildung ist Menschenrecht. Informiert sein, Bescheid wissen, Bildung:
das sind die Voraussetzungen für Freiheit und für das Gelingen
von Demokratie.
Von qualifizierter Bildung und Ausbildung hängen in Zukunft mehr
denn je individuelle Lebenschancen und die ökonomischen Perspektiven
unseres Landes ab. Innovation ist ohne Kinder nicht denkbar.
Und: ein hohes Wohlstandsniveau ist ohne Wissen nicht zu halten.
Die Investition in die jungen Menschen ist existenziell für die Sicherung
der deutschen Wettbewerbsfähigkeit wie auch der Sozialsysteme.
Es darf nicht sein, dass über zehn Prozent der Jugendlichen, Tendenz
steigend, ohne Schulabschluss bleiben. Der Anteil der Studienanfänger
an einem Altersjahrgang ist deutlich gestiegen aber noch zu
gering. Wir wollen 40 Prozent erreichen, liegen aber noch rund fünf
Prozent zurück - 1998 lag der Anteil nur bei 28 Prozent. Auch die
hohen Abbrecherquoten machen Sorgen.
In der Bildung, vor allem in der frühkindlichen Bildung besteht in
Deutschland Nachholbedarf. Die vorschulische Zeit wird unzureichend
genutzt. Die Schüler in Deutschland werden zu wenig individuell
gefördert, das Schulsystem sortiert zu früh und zu unflexibel
aus. Kreative Köpfe können sich aber nur entwickeln, wenn individuelle
Talente entdeckt und ermuntert werden und sich entfalten
können.
Eine gute vorschulische Erziehung eröffnet jungen Menschen
gleiche Lebenschancen. Die Deutschkenntnisse unter den kleinen
Kindern sind in vielen Fällen mangelhaft. Da ist es sinnvoll, sie bei
Vier- bis Fünfjährigen zu überprüfen und gegebenenfalls obligatorische
Sprachkurse anzubieten, statt die Kinder unvorbereitet in die
Schule zu schicken. Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung für Kinder
unter drei Jahren durch das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG)
werden wir einem in der OECD-Studie festgestellten Reformbedarf
im deutschen Bildungssystem entsprechen. Mit den finanziellen Entlastungen
aus der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe
können die Kommunen seit Jahresanfang bereits bestehende
Angebote ausbauen oder neue Plätze schaffen.
Jetzt wird es darauf ankommen, dass auch die CDU/CSU-regierten
Bundesländer das Angebot zum Ausbau der frühkindlichen Bildung
und Betreuung annehmen und gemeinsam mit Bund und
Kommunen für die Umsetzung sorgen. Bei der Aufgabe, die Zukunft
von Kindern zu organisieren, kommt es nicht darauf an, wer das Sagen
hat. Eltern ist es egal wer die Kosten für Schulen, Kindergärten
und Krippen übernimmt. Sie wollen, dass es genügend qualifizierte
Angebote gibt. Sie haben recht.
Wir müssen die Ganztagesbetreuung von Kindern mit Sprachqualifizierung
und frühem spielerischem Lernen ausbauen. Deshalb
stellt der Bund von 2003 bis 2007 insgesamt vier Milliarden Euro zur
Verfügung, mit denen die Länder entsprechend ihren jeweiligen Landesregelungen
Ganztagsschulen oder Schulen mit angegliedertem
Hort fördern können. Der Start des Programms ist überwiegend
gut.
Unsere Initiativen werden dazu führen, dass Familie und Beruf
besser miteinander vereinbar werden. Wir wollen damit auch erreichen,
dass junge Frauen gleich gute Berufschancen haben wie junge
Männer. Eine Frauenerwerbsquote von 60 Prozent im Westen Deutschlands
und 72 Prozent im Osten ist zu gering. Wir wollen und können
nicht auf das Potenzial gut ausgebildeter Frauen verzichten.
Kinderfreundlichkeit kann nicht von Rot-Grün in Berlin verordnet
werden, sie muss gemeinsam von Bund, Ländern und Kommunen
umgesetzt werden. Mehr noch: mit einer breiten gesellschaftlichen
Debatte wollen wir die Bildungspolitik zu einem zentralen
Thema für Deutschland machen.
Die SPD und die SPD-Bundestagsfraktion wollen die Zukunft
durch Investitionen in Bildung und Forschung, in die Entwicklung
neuer Produkte und durch die Förderung aller Köpfe in diesem Land
gestalten. Unser Ziel für 2010 ist ehrgeizig: jährlich sollen dann drei
Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden,
ein Drittel davon durch den Staat. Heute liegt Deutschland bei 2,55
Prozent. Hinter dieser scheinbar harmlosen Differenz verbirgt sich
eine Milliarden-Summe.
So ist es nur folgerichtig, dass Subventionen wie die Eigenheimzulage
abgeschafft und das Geld künftig in die jungen Menschen investiert
wird. Die Streichung der Eigenheimzulage ist die Nagelprobe,
ob es der Union mit der geforderten Bildungs- und Innovationsoffensive
wirklich ernst ist.
Und: Die SPD tritt weiter für ein gebührenfreies Erststudium ein.
Studiengebühren für das Erststudium sind sozial ungerecht und bildungspolitisch
kontraproduktiv. Die sozial Schwächeren dürfen nicht
von den Universitäten ferngehalten werden. Schon jetzt kommen
nur 12 Prozent der Studierenden aus einem Arbeiterhaushalt. Wir
wollen mehr Talente entdecken und fördern. Innovation und Wachstum
erreichen wir aber nur mit erstklassiger Bildung und Forschung.
Der Bildungsbereich ist Zukunftsthema. Die Chancengleichheit
in Deutschland hängt ganz stark von den Bildungsstrukturen ab.
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