via europa
A Magazine of the European School of Business Home Impressum English



Ausbildung

NOCHMALS ZU ‘BOLOGNA‘

von Prof. Dr. Tümmers

Der europäische Integrationsprozess macht auch vor dem deutschen Hochschulsystem nicht halt. Wie dieser Prozess das Wesen deutscher Hochschulen zum Positiven hin verändern könnte beschreibt Prof. Dr. Tümmers in seinem Beitrag.

Gründer (1979) und langjähriger Leiter der European School of Business (ESB) Reutlingen. Von 1995 bis 2000 Direktor der Management-School IECS Strasbourg. Von September 2000 bis Oktober 2003 Präsident und wissenschaftlicher Direktor des Stuttgart Institute of Management and Technology – SIMT. Seit Oktober 2003 wieder Professor an der ESB Reutlingen.


Mit der "Déclaration de la Sorbonne" der Bildungsminister von Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien vom Mai 1998 und mit der von Bildungsministern aus 29 europäischen Staaten unterzeichneten "Bologna Declaration" vom Juni 1999 wurde ein tief greifender Reformprozess der Hochschulen Europas eingeleitet. Bereits im Jahre 2010 soll Europa einen einheitlichen Raum der Hochschulbildung mit vergleichbaren Hochschulgraden bilden, ohne deshalb seine nationalen Bildungstraditionen über Bord zu werfen. Damit, so hofft man, wird sich auch die Mobilität der Studierenden erhöhen, was einen wichtigen Beitrag zu einem Europa der Bürger bedeutet.

Kernstück dieses europäischen Hochschulraumes ist die allgemeine Einführung von "undergraduate" und "postgraduate" Studiengängen, die mit dem Bachelor- bzw. dem Mastergrad abschließen. Allerdings bleibt es den Hochschulen freigestellt, den Bachelor nach einem dreijährigen oder einem vierjährigen Studium zu verleihen. Entsprechend kann der Master nach einem einjährigen oder einem zweijährigen Studium verliehen werden. Damit wird einige Verwirrung erzeugt, und es wäre vielleicht sinnvoller gewesen, sich auf ein gemeinsames Schema zu einigen.

Für Deutschlands Hochschulen hat diese Reform vor allem zwei Auswirkungen. Die Durchstufung des Studiums wird auch an den Universitäten zu einer stärkeren Strukturierung des Studiums und damit zu zeitlich verbindlichen Lehr- und Prüfungsplänen führen. Die freie Gestaltung des Studiums, wie sie bislang bestand, wird also bald der Vergangenheit angehören. Damit verbunden werden allerdings erfreuliche Effekte sein: die Verkürzung der Studienzeiten und ein Absinken der Zahl der Studienabbrecher. Die andere Auswirkung ist, dass die Trennung in "wissenschaftliche" und "Fach"- Hochschulen praktisch aufgehoben ist, da beide akademisch gleichwertige Diplome verleihen. War das FH-Diplom bislang dem Universitätsdiplom untergeordnet, so wird nunmehr zwischen den Bachelor- und den Mastergraden kein Unterschied mehr gemacht. Damit besteht endlich Gleichwertigkeit der Abschlüsse, was zu einem ehrlichen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Bildungsansätzen führen wird. Was noch bleibt, ist das alleinige Promotionsrecht durch die Universitäten, und das ist auch gut so. "Bologna" führte damit im deutschen Hochschulwesen zur größten Reform seit der Universitätsgründung durch Wilhelm von Humboldt im Jahre 1810. Im betriebswirtschaftlichen Studium zeichnen sich hierbei besonders deutliche Veränderungen ab. Bislang existiert in Deutschland das angelsächsische Modell der Business Schools nur in Ansätzen, im wesentlichen in der Form der Privathochschulen. Damit verbunden ist auch die eher bescheidene Rolle der deutschen Hochschulen beim Angebot internationaler MBA-Programme. Hierfür gibt es mehrere Gründe.

Bis zur Novellierung des Hochschulrahmengesetzes 1998 war es deutschen Hochschulen gar nicht möglich, eigene MBAProgramme anzubieten. Es fehlt deshalb heute an einer entsprechenden Tradition, und es wird großer Anstrengungen bedürfen, den zeitlichen Rückstand gegenüber den angelsächsischen Hochschulen aufzuholen. Da es bislang kaum Absolventen mit Bachelor-Abschluss gibt und das Durchschnittsalter deutscher Universitätsabsolventen bei 27 Jahren liegt, gibt es derzeit auch noch keine große Binnennachfrage nach MBA-Programmen im Vollzeit-Modus. Die renommiertesten Business Schools rekrutieren ihre Studenten für die Vollzeit-Programme jedoch weltweit und verschaffen sich damit ihr internationales Ansehen. Im letzten Ranking der Financial Times vom Januar 2005 war die Dominanz der angelsächsischen Hochschulen wieder überdeutlich. Von den darin aufgeführten 100 besten Business Schools der Welt sind über 80 in den USA, Großbritannien oder einer der ehemaligen britischen Kolonien. Leider sucht man dort nach einer deutschen Business School noch vergebens.

Die Aufholjagd wird noch einige Jahre dauern, und erst nach einer flächendeckenden Einführung der Bachelor-Abschlüsse wird eine starke Nachfrage nach Vollzeit- MBA-Programmen auch in Deutschland entstehen. Allerdings: Einen entsprechenden Binnenmarkt gibt es auch nicht in Frankreich, Spanien oder den Niederlanden. In diesen Ländern wurden in den vergangenen Jahren die Hochschulsysteme jedoch gezielt international ausgerichtet, da man erkannt hatte, welche strategische Bedeutung internationale Management Schools für ihre Volkswirtschaften haben. So war Spanien, dessen Bruttoinlandsprodukt etwa ein Drittel so groß ist wie das Deutschlands, in der Lage, drei weltweit renommierte Business Schools aufzubauen und zu finanzieren. Zwei weitere sind auf dem Sprung, ebenfalls in diese Liga aufzusteigen. Leider hat jedoch in Deutschland die Wirtschaft die erforderlichen finanziellen Perspektiven nicht entwickeln können, oder es fehlte an dem entsprechenden Know-how, so dass die interessierte Öffentlichkeit immer noch auf das deutsche INSEAD warten muss.

Dabei hätten wir tatsächlich hervorragende Voraussetzungen, den Weltmarkt der MBA-Schools zu bereichern. Denn eine Verbindung der angelsächsischen Lehrmethoden mit der Betonung von Theorie und Forschung deutscher Hochschulen könnte ein ganz neues, international wettbewerbsfähiges Modell einer Business School hervorbringen. An einigen Hochschulen wird daran gearbeitet, und mehrere Teilzeit- bzw. Executive Programme deutscher Hochschulen geben zu Optimismus Anlass.

Gleichzeitig muss hier aber auch auf die Gefahr der allzu leichtfertigen Genehmigung von MBA-Studiengängen durch die Ministerien hingewiesen werden. Nicht jedes Aufbau- oder Vertiefungsstudium in Betriebswirtschaft ist auch ein MBA nach internationalen Maßstäben. Deutsche MBAProgramme haben es deshalb doppelt schwer, international wahrgenommen zu werden, weil der Markt zu unübersichtlich und verzerrt ist. Die Lösung dieses Problems ist aber schon heute erkennbar: mittelfristig werden nur diejenigen MBA-Programme internationale Anerkennung finden, die eine entsprechende Akkreditierung durch die AACSB, Equis oder die AMBA aufweisen können. Der Weg in die weltweite Spitzengruppe der Business Schools wird also noch viele Anstrengungen erfordern.



© via Europa 2005