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2. Wege aus der Misere: Den großen Umbruch endlich wagen!
Aus der Misere kommen wir sicher nicht mit kleinen Korrekturen
am Gegebenen heraus, sondern nur mit einer Fundamental-Reform.
Aber wie stehen deren Chancen? Kann eine Regierung in Deutschland,
auf die Wählerstimmen schauend, überhaupt einen solchen
Umbruch herbeiführen, egal welcher Couleur sie ist? Oder braucht
die Regierung – frei nach Brecht – zuerst einmal ein anderes, neues Volk?
In der Tat scheint bislang noch jede Regierung den Standpunkt
zu vertreten, sie könne nicht viel ändern, denn die Wähler wollten es
nicht: Dies sei eben eine Gesellschaft, die daran gewöhnt sei, versorgt
zu werden; selbst organisiert würden bestenfalls Spaß und „Ellenbogenverhalten“.
Wir haben eine deutlich andere Meinung gewonnen, seit wir mit
Perspektive-Deutschland 2001 unsere Entdeckungsreise in die Anund
Einsichten unserer Landsleute begonnen haben. Wir haben
Menschen gesehen, die einen erfrischend ungetrübten Durchblick
auf die Probleme haben, dabei sehr konstruktiv-kritisch zu ihrem
Land stehen, einen erfreulich klaren Konsens über Richtung und
Ziel der Weiterentwicklung dieses Landes, seiner Gesellschaft und
Wirtschaft zeigen; die sogar zu persönlichen Opfern und Beiträgen
bereit sind. Das Problem ist, dass die Politiker nach wie vor dem verzerrten
Bild der Deutschen anhängen, wie es in den Medien erscheint:
geprägt von Anspruchsdenken und Bequemlichkeit, nicht
leistungsbereit, nicht engagiert. Der Verlauf des Jahres 2004 schien
dieses Bild zunächst zu bestätigen. Doch mittlerweile stellen sich zunehmend
Reaktionen unserer Landsleute ein, die von Verständnis
und konstruktivem Mitmachen zeugen. Dieses neue Bild der Deutschen
wird immer klarer. Und das müssen die Politiker zur Kenntnis
nehmen. Erst dann kommen wir weiter, Regierte und Regierung
miteinander.
Darum jetzt skizzenartig das Bild des „verkannten Michel“, sein
Soziopsychogramm, dargestellt mit Hilfe eines Dreiecks: drei Eckpunkte,
die in einem interessanten Spannungsverhältnis stehen (Abb. 2).
> Da ist zunächst der intrinsische Eckpunkt. Er beschreibt, welche
grundsätzlichen, sich auch nicht kurzfristig verändernden Grundwerte
und -einstellungen unsere Landsleute haben: eine auch im internationalen
Vergleich hohe Grundzufriedenheit mit dem Leben in
Deutschland und am Wohnort. Die Deutschen mögen nicht nur die
Landschaft, sondern auch die sozialen Beziehungen untereinander.
Dies erklärt das hohe Niveau der Zufriedenheit, während regionale
Abweichungen von den regionalen Arbeitsmärkten bestimmt werden.
Die Deutschen sind weit überwiegend leistungsorientiert, wollen
es in ihrem Leben zu etwas bringen, wollen nach Möglichkeit
mehr arbeiten und verdienen, würden sich auch in überraschend hohem
Ausmaß lieber selbständig machen, wenn nicht vor allem Regularien
und Bürokratie im Wege wären. Bei alledem sind sie auch sozial
engagiert. In den Medien häufig anzutreffende Stempel wie
Spaß- oder Ellenbogengesellschaft treffen auf die Mehrheit überhaupt
nicht zu.
> Leider ist der zweite Eckpunkt des Dreiecks, der die aktuelle Befindlichkeit
unserer Landsleute darstellt, negativ besetzt. Dass die
Menschen erhebliche Zukunftsängste haben, ist nicht einmal überraschend
– allenfalls ist das Ausmaß erschreckend: Beispielsweise erwarten
drei viertel der Menschen hierzulande eine Verschlechterung
ihrer finanziellen Zukunft. Kein Wunder, dass die Binnennachfrage
so schwach ist. Wirklich problematisch ist jedoch das Zusammentreffen
von Ängsten einerseits und Misstrauen andererseits; Misstrauen
insbesondere in die politischen Institutionen und die Führungspersönlichkeiten.
Fast 70% haben kein bzw. kaum Vertrauen in die politischen
Parteien. 73% empfinden ein deutliches Orientierungsvakuum.
Die Menschen haben Angst und sehen nicht die Führung, die sie
aus den Problemen herausführen könnte.
> Positiv ist wiederum der dritte Eckpunkt zu bewerten. Erfreulich
ist aus unserer Sicht, dass es einen breiten Konsens in allen wesentlichen
Gruppen der Bevölkerung über die Richtung gibt. 70%
wollen in Richtung „mehr Markt“, 9% in Richtung „mehr Staat“,
der Rest will im Wesentlichen bei der heutigen Situation bleiben.
Allerdings möchten die Menschen mehrheitlich keine „US-Verhältnisse“.
Soziale Gerechtigkeit und menschliche Geschwindigkeit des
Wandels haben in Deutschland und Europa einen höheren Stellenwert
als in den USA. Auch bei einzelnen konkreten Zukunftsthemen
gibt es klare Mehrheiten, z.B. für staatliche Sicherungssysteme, die
sich eher auf die Grundabsicherung beschränken. Bereits Ende 2003
gaben die Teilnehmer an, zur Sicherung ihres Arbeitsplatzes unbezahlte
Mehrarbeit zu akzeptieren. Reformbereitschaft wurde immer
dann signalisiert, wenn die Zusammenhänge zwischen Problemdiagnose
und Therapie ebenso nachvollziehbar waren wie die zwischen
eigenen Opfern und Verbesserungspotenzialen und wenn klar war,
dass alle geeignete Opfer bringen müssen.
Wäre dieses Bild des Menschen den Politikern klarer, würden sie
erkennen, dass ein viel größerer Lösungsraum verfügbar ist. Deutlichere
Reformpolitik mit Aussicht auf Kurierung der Grundprobleme
liegt dann auch im Bereich des politisch Machbaren. Dass die
„Währung“ eines Politikers in der Demokratie das Ergebnis am Wahlabend
ist, muss akzeptiert werden. Um zu gestalten, muss man Wahlen
gewinnen. Aber wenn man den Leuten genau zuhört, erscheint entschlossene
Reformpolitik als mehrheitsfähig.
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